Wir haben 1989 für Freiheit gekämpft. Aber Freiheit ohne Verantwortung ist Egoismus.

Rede am 4. 12. 2020 zum Gedenken an die Besetzung der "Stasi"-Bezirksverwaltung am 4. 12. 1989 in Erfurt

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte 2020 das Gedenken nicht wie sonst vor dem früheren Stasigebäude stattfinden. Die Rede lief online auf Account der GfZ und der Andreasstraße.

Liebe Freundinnen und Freunde,

Eigentlich würdet ihr jetzt alle hier stehen…
Aber: in diesem Jahr ist alles anders. Die Corona-Pandemie hält uns in Atem.
Und so werden wir im Gedenken an den Tag, an dem zum ersten Mal hier in Erfurt eine Bezirkszentrale der Stasi besetzt wurde heute nur über diesen Weg verbunden sein.

Vor 31 Jahren haben wir das Ende des Geheimdienstes eingeleitet, dem angstbesetzten Machtinstrument der diktaturbestimmenden SED. Mit monatelangem Ringen haben wir die Auflösung und die Möglichkeit zur Akteneinsicht betrieben. Teilweise mit hohem persönlichem Einsatz. Das war notwendig, nicht nur für uns, sondern damit die ganze Gesellschaft frei werden konnte.
Es war die letzte und drückendste Bastion der SED, die es noch zu beseitigen gab.

Wir haben 1989 für Freiheit gekämpft.

Aber es ging uns nicht nur um Freiheit. Es ging um die Freiheitsrechte, die Menschenrechte. Diese wollten wir, für alle. Ja. auch für die, die uns vorher unsere Freiheit geraubt hatten.
Weil wir um den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung wussten.

Deshalb haben wir gleichzeitig unsere Verantwortung wahrgenommen:
Das Bürgerkomitee, war zur Auflösung der Stasi gegründet. Aber wir nahmen auch gleich die Verantwortung wahr, „den Organismus der Stadt aufrecht zu erhalten“, weil die alten Organe als nicht mehr legitimiert dafür gesehen wurden. Und wir haben für eine geordnete Auflösung der Stasi gesorgt, ohne dass die Stasileute jetzt ihrerseits Repressalien ausgesetzt wurden.

Wir haben nicht nur gerufen „wir sind das Volk“ sondern auch „keine Gewalt“.
Und haben uns friedlich aus der SED-Diktatur befreit.
Die, die jetzt wieder mit dem Ruf „wir sind das Volk“ demonstrieren, fühlen sich durch die Maßnahmen der Regierung gegen die Corona-Pandemie um die Freiheit beraubt.

Ja, die Gesetze, Verordnungen und Verbote, die zum Ziel haben, die Gefahr für alle zu bannen, schränken unser gewohntes Leben massiv ein. Wir leiden alle darunter. Und ja, sogar verfassungsmäßig verbriefte Rechte werden damit eingeschränkt.
Deshalb protestieren Menschen, und sie protestieren für Freiheit, für Grundrechte, die es aus ihrer Sicht nicht mehr gibt, ja sogar für Liebe und Frieden.
Auch einige, die zu den Aktiven 1989 gehörten, sind dabei.

Aber es ist eine bunte, ja sonderbare Mischung: Welche mit kruden Verschwörungstheorien, manche, die sich als Opfer wie in der Nazizeit fühlen und zugleich mit neuen Nazis zusammen demonstrieren, welche, die ihre Wut ungebremst herausschreien und alle Regierenden absetzen und im Gefängnis sehen wollen, und manche, die die Einschränkungen mit den nicht vorhandenen Freiheitsrechten in der Diktatur der DDR vergleichen…
Sie eint, dass sie sich in ihrer Freiheit beraubt sehen.

Aber was heißt denn Freiheit? 
Freiheit ist kein Wert an sich. Freiheit gibt es nur in der Beziehung mit anderen Menschen.
Deshalb ist die Freiheit dort begrenzt, wo ich mit meiner Freiheit die der anderen einschränke. Und meine Freiheit ist umso freier, je mehr in einer Gesellschaft mir diese Gesellschaft und die Menschen diese Freiheit ermöglichen.

Deshalb ist die Freiheit ein Geschenk, was aus der Verantwortung wächst, Verantwortung für andere.
Freiheit ohne Verantwortung ist Egoismus.

Die Versammlung der angeblich friedlich gegen die Beschränkung ihrer Grundrechte demonstrierenden Menschen endete am Samstag, den 7. November in Leipzig mit Gewalt und Verhöhnung unseres demokratischen Rechtsstaates, so formulieren es viele Leipziger Bürgerrechtler in einem offenen Brief.  Und weil ich es nicht besser sagen kann und meine Gedanken und Gefühle beschreibt, möchte ich daraus zitieren:

 „Angereist von Hamburg bis München maßten sie sich an, die Friedliche Revolution von 1989 vollenden zu wollen. Das macht fassungslos und wütend. Mit welchem Recht missbrauchen sie den Mut, den Freiheitswillen und die Selbstbefreiung derer, die unter der Gefahr der Inhaftierung und der Verfolgung die SED-Diktatur abschüttelten? Mit welchem Recht missbrauchen sie die Werte der Friedlichen Revolution, die ausdrücklich auf Gewaltfreiheit, auf Toleranz und Solidarität setzte. Mit welchem Recht verursachen Gäste in unserer Stadt Leipzig ein super-spreading-event, indem sie sämtliche Gesundheitsschutzmaßnah­men ignorieren?“
Und weiter: 
 „Wir treten für demokratische Grundrechte ein und wollen alles tun, diese zu schützen. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass nach dem Grundrechtsverständnis die Freiheit des Einzelnen dort ihre Grenzen findet, wo die Freiheit des Anderen über Gebühr beeinträchtigt wird. Damit ist in einer Pandemie-Situation eine Abwägung zwischen den einzelnen Grundrechten unverzichtbar. Auf dieser Grundlage sind wir für einen Dialog der uns weiterführt und möglichst viele mitnimmt.
Wir leben in einer Demokratie, die ausreichend Spielraum dafür bietet.“

Vielleicht hilft die ungewohnte Ruhe und Stille  dazu, die Möglichkeiten zu sehen, die wir haben, und um die uns viele in der Welt beneiden.
Ich wünsche Euch allen eine gute und kreative Adventszeit. Auch mit physischer Distanz können soziale Kontakte aufrechterhalten und vielleicht sogar vertieft werden.

Bleibt gesund und behütet!

Barbara Sengewald
Vorsitzende Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Erfurt